Das Google Wertesystem: Eine Predigt von Wasser und Wein

by Philipp Klöckner on 16/11/2010

Die letzten Wochen haben nicht nur klarer denn je gezeigt, dass Google gewillt ist, so ziemlich jedes suchbasiertes Geschäftsmodell im Internet selbst zu praktizieren, sondern auch dass man dabei gern mit zweierlei Maß misst. Neue lokale Serps, Hotelpreis-Angaben in Maps und der Einstieg in den Fashion-Markt zeichnen einen klaren Expansionspfad, während neue Startups aus den Suchmärkten “zurückgepfiffen” werden.

In der deutschen Webmasterzentrale (zumindest dem Anschein nach ein Informationsangebot für langfristig ersetzbare Wirtschaftsindividuen, die man heute noch als “Webmaster” kennt) sagt Google ganz klar, welche Arten von Webseiten noch die Aufnahme in den Google-Index verdienen, und welche eher unerwünscht sind:

Wenn euch eine Idee für eine Website einfällt, solltet ihr das Internet zunächst mal danach durchsuchen. Es gibt viele Websites, die sich mit üblichen und beliebten Themen wie z. B. Urlaubsbuchung, Preis- oder Produktvergleich beschäftigen. Es macht wenig Sinn, das Rad regelmäßig neu zu erfinden und mit bereits existierenden, themenspezifischen Websites zu konkurrieren.

Ist doch ‘ne klare Ansage, oder? Für Urlaubsbuchung (gleich ob Flug, Hotel oder Package), Preisvegleich oder Produktrecherche stehen im Internet bereits mehr als genug Lösungen zur Verfügung, die erste Seite hat eh nur 10 Plätze, also wozu auf abgegrasten Wiesen äsen. Auch kleinere oder größere Inventionen (“das Rad neu erfinden”) hält Google offenbar nicht für zielführend. Tatsächlich sind diese Märkte bereits hochkompetitiv und gesättigt: Ihnen steht eine Konsolidierung bevor. Neue Player müssen riesige Hürden überwinden um hier Fuß zu fassen. So könnte von Google tatsächlich nett gemeint sein, die vorübergehend noch benötigten “Webmaster” darüber aufzuklären, dass ein Einstieg in dieses Haifischbecken nur von wenig Erfolg gekrönt sein wird.

Doch warum sollte Google auf einmal gewillt sein Webmastern zu helfen? In der Regel beschränkt sich die Kommunikation des Suchgiganten darauf seine Marionette Matt Cutts Nebelkerzen werfen zu lassen, welche die Webmaster dazu bringen Schwachstellen im Suchalgorithmus oder der Infrastruktur von Google durch vorauseilenden Gehorsam selbst zu kitten.

Boutiques.com

Google-Einladung (c) Techcrunch

Gestern nun wurde klar, dass Google nach langer Abstinenz im Fashion-Bereich und Totgeburten wie Google Products, das fast ausschließlich von der “Quersubventionierung” aus den willkürlich in die SERPs integrierten Produkt-One-Boxes lebt, einen neuen Angriff auf den Produkt- und speziell den Mode-Markt plant. Nur wenige Monate nach der Übernahme des auf Mode & Schuhe spezialisierten Visual-Search-Unternehmen Like.com gab Google bekannt mit Boutiques.com ein Shop in Shop eCommerce Konzept für Designer-Mode launchen zu wollen. Ein Milliarden-Markt an dem Google lange Zeit nur über AdWords partizipierte.

Nach der Integration der anderen Mega-Akquisition (ITA-Software) wird uns auch bald eine Google-eigene Flugsuche mit Preisvergleich (Kritik bei fairsearch.org) ins Haus stehen. Immoportale müssen spätestens seit Streetview um ihren schwindenden Mehrwert in Googles “Wertesystem” fürchten. Hotelpreise kann man längst innerhalb von Google Maps vergleichen.

Die Doppelmoral

Die Message ist also klar: WENN hier jemand “das Rad neu erfinden” darf, dann ist es Google – und nicht etwa ein anderes Unternehmen oder einer dieser “Webmaster”. Denn der eigentliche WebMASTER ist Google selbst. Jene, welche sich bisher als Webmaster wähnten, sind Parasiten im “System Suche”. Und Google hat beschlossen, dass es legitim ist, unter der Betonung der Google anhaftenden positiven Such- und Produkterfahrung jegliches Erlösmodell der Google-Parasiten einzukassieren.

Dennoch: Google wäre nicht Google, wenn es uns nicht auch einen Strohhalm reichen würde. Denn schließlich tut Google nur Gutes und will nichts außer ein paar Daten effizienter organisieren. Und in dem nett gemeinten Ratschlag, der via Webmasterzentrale eher wie ein Angebot, dass man nicht ablehnen kann klingt, findet sich auch ein Hinweis auf die Rest-Geschäftsfelder, denen sich die “Webmaster” noch widmen dürfen:

Dafür ist es oft umso praktischer und lohnenswerter, sich mehr auf kleinere Themen oder bestimmte Nischen zu konzentrieren – dort, wo euer Wissen am größten ist und der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Nutzer weniger hart zu sein scheint.

Auf gehts also, Ihr Webmaster! Auf in die Abgründe des Longtails und in die für Google zu kleinen Nischen. Wo Foren und Q&A-Sites noch nicht genug Mehrwert bieten, oder Google sogar ein Dorn im Auge sind, da dürfen wir die nächsten Jahre noch ein wenig grasen. Aber Vorsicht! Dort steht KLEINERE Geschäftsfelder! Denn wannimmer sich ein Milliardenmarkt im Internet auftut, wird Google sicher nichts unversucht lassen auch hier “die Daten effizienter zu organisieren”.

Update: Seit Mittwoch kann man Boutiques.com auch live ansehen. Bemerkenswert, dass es weder Like-Buttons noch die Möglichkeit Items auf Facebook zu sharen gibt…

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