Google Fiber kommt: Was hat Google auf dem ISP-Markt vor?

by Philipp Klöckner on 26/07/2012

Google FiberHeute setzt der US-amerikanische Suchmaschinenbetreiber Google jahrelange Entwicklungsarbeit in die Tat um: Am 26. Juli 2012 wird Google eine Ankündigung bezüglich seines neuen Produkt “Google Fiber” machen.

Dabei handelt es sich um ein Glasfaser-Netzwerk welches private Haushalte und Unternehmen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1 Gigabit pro Sekunde an das World Wide Web anbinden soll. In einem Pilot-Projekt sollen nun die bis zu 450.000 Einwohner der Stadt Kansas City in den Genuss von superschnellen Internetanbindungen kommen. Dieser 30-Sekunden-Spot sagt das Wichtigste:

Doch was verspricht sich Google ausgerechnet von dem Eintritt in das Internet Service Provider (ISP) Geschäft? Dabei handelt es sich doch um einen recht saturierten und hochkompetitiven Markt. Zudem fällt es schwer sich vorzustellen wie Google hier einen Wettbewerbsvorteil erlangen könnte. Doch der Schritt in Richtung Service Provider kann in vielerlei Hinsicht auch sinnvoll erscheinen:

1. Traffic-Kosten / Netzneutralität

Große Telekommunikationsanbieter wie die Deutsche Telekom, die spanische Telefonica oder die France Telecom versuchen zunehmend insbesondere Traffic-Schwergewichte wie Googles eigenes Videoportal YouTube für die Verursachung von hohen Datenübertragungsvolumina zur Kasse zu bitten. Da man davon ausgehen kann, dass diese Konzerne untereinander gut genug vernetzt sind und auch formidable Lobbyarbeit leisten, muss Google befürchten, dass das Begehren nach einer Beteiligung an den Traffic-Kosten durchaus von Erfolg gekrönt sein könnte.

Nun jedoch selbst einen netzneutralen ISP zu erschaffen, der zu konkurrenzfähigen Endkundenpreisen ganz sicher keine weiteren Traffic-Gebühren erheben wird, setzt die konservativen ISPs unter Druck. Anschließend noch auf die Erhebung von Volumen-Zöllen zu bestehen, könnte für die Telekomriesen schnell zum Wettbewerbsnachteil werden. Und solange Google sein ISP nicht übermäßig quersubventioniert wird es nun auch deutlich schwerer mit den eigenen gestiegenen Kosten zu argumentieren.

2. Speed! Speed! Speed!

GlasfaserkabelDas Google Fiber to the home (FTTH) Netz soll Verbindungsgeschwindigkeiten bis zu 1 Gigabit pro Sekunde ermöglich. Studien zufolge surft der Durschnittsamerikaner mit 4-6 Megabit pro Sekunde und bezahlt auch noch zu viel dafür. Natürlich senkt die Verknappung der Transferrate auch das Gesamtvolumen und somit die Kosten der ISP. Aber es schränkt auch die Nutzung des Internets ein.

Google wirbt damit, die Anschlüsse der Bewohner von Kansas City zu konkurrenzfähigen Preisen bis zu 100mal schneller als herkömmliche Internetverbindungen zu machen. Daraus ergibt sich ein offensichtlicher Vorteil und ein implizieter Einfluss auf Googles Kerngeschäft:

Zunächst heißt schnelleres Internet in aller Regeln steigende Nutzungsintensität. Menschen werden MEHR suchen, MEHR Videos auf YouTube schauen, NOCH schneller Google Maps durchforsten und die schnelle Anbindung ebnet auch den Weg für neue Produkte wie Hang-Outs, Video-on-Demand oder Musik-Streaming. Kurz gesagt: Googles Produkte werden intensiver genutzt werden. Da Google fast ausnahmslos alle Produkte werbefinanziert geht intensivere Nutzung in aller Regel mit höheren Werbeeinnahmen einher.

Zudem haben diverse Studien belegt, dass die Ladegeschwindigkeit einer Seite deren Conversion drastisch beeinflusst. Die Site Speed widerum hängt nicht nur vom Webserver des Betreibers sondern auch der Gerschwindigkeit der Broadband Connection ab. Nutzer mit einer langsamen Internetverbindung haben durchschnittlich auch schlechtere Conversion Rates. Niedrigere Conversion Rates wiederum resultieren in niedrigeren CPCs im AdWords-Bidding. Eine Beschleunigung des Webs sollte also indirekt auch die CPC-Levels und damit die Werbeerlöse für Google erhöhen.

Nun könnte man argumentieren, wen juckt es wenn ausgerechnet eine halbe Million Hinterweltler in Kansas und Missouri schnelleres Internet haben… Fakt ist aber: Sollte das Google Experiment glücken und profitabel werden, könnte Google sich schon bald entscheiden Glasfasernetze auch in anderen Bundesstaaten und – wie bereits in Aussicht gestellt – auch in Europa auszubauen. Schnell würde offensichtlich, dass herkömmliche ISPs nur einen Bruchteil des Fiber-Durchsatz für überhöhte Preise zur Verfügung stellen. Allein durch die glaubhafte Androhung eines Markteintrittes sollte Google also nicht nur die Kostendebatte auslöschen, sondern auch den Wettbewerb um die (tatsächlich) schnellste Internet-Verbindung wiederbeleben. Relativ wahrscheinlich würde das über kurz oder lang zur Verbesserung der Verbindungsgeschwindigkeit ALLER Nutzer führen, gleich ob sie bei Google Fiber oder einem der angespornten Wettbewerber Kunde sind.

Google Fiber

3. Infrastruktur & Daten

Google Usage RequestDie Erwähnung des Umstands sollte heutzutage beinahe obsolet sein, aber ich verwette eine AOL-CD darauf, dass Google seinen Fiber Nutzern die Möglichkeit geben wird, durch die Übertragung von Nutzungsdaten die Qualität der Google Produkte, ihres Browsers, ihrer Internetverbindung und des World Wide Web als solchen dauerhaft zu verbessern. ;) Und obwohl Chrome als Stichprobe die Internetnutzung schon recht gut abbildet, wäre es doch sicher spannend für Google mal (selbstverständlich) anonymisiert einen Blick in die abgerufenen Inhalte und Datenpakete zu werfen.

4. Profit

Nicht wirklich – Ich bin mir ziemlich sicher, dass das letzte was Google mit Fiber beabsichtigt die direkte Erzielung von Deckungsbeiträgen aus dem ISP-Geschäft ist. Fiber ist vermutlich ebenso wie das Android-OS oder der Chrome-Browser vielmehr ein Infrastruktur- und Research-Projekt um die Nutzung von Google-Produkten in allen Bereichen des täglichen Lebens zu intensivieren und für Google noch transparenter zu machen.

Die Quellen & Links:

Und hier gibt es heute abend um 18:00 Uhr CET das offizielle Announcement aus Kansas:

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Über den Verfasser: 

Philipp war 6 Jahre lang Search Strategist und Product Manager bei Idealo.de. In seiner Funktion als Suchmaschinenspezialist hat er sich vor allem mit den Themen Crawlability, Accessability und OnPage-Optimierung von Webseiten mit mehr als einer Million SubPages befasst. Seit 2011 ist Philipp Klöckner als Angel Investor und Search Consultant tätig und teilt seine Erfahrung in den Bereichen Search (Paid/Organic), Comparison Shopping und Business Intelligence mit Verlagshäusern, eCommerce-Webseiten und Start-Ups.

About the author: Philipp has been product manager and inhouse SEO at the market leading price comparision in Germany (Idealo.de) for 6 years. He specializes in the fields of accessability, crawlability and onpage optimization of websites with 1M+ subpages. Since 2011 Philipp Klöckner focuses on search consultancy to share his experience in search (paid/organic), comparison shopping und business intelligence with publishing houses, e-commerce companies and start-ups as an independent consultant and angel investor.

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